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Ein Gespräch mit Dr. Nikolai Kolesnikow über Aktuare, Simulation und die Frage, was modernes Risikomanagement von Versicherungsmathematik lernen kann

Teil 3: Modelle rechnen nicht die Zukunft aus: Warum Risikobewertung Verantwortung bleibt

Im dritten Teil unseres Interviews geht es um die Grenzen von Risikomodellen, die Verantwortung von Management und Risikomanagement sowie den Einfluss von KI. Denn Modelle können Orientierung geben, Szenarien berechnen und Risiken sichtbar machen. Entscheidungen und Verantwortung bleiben jedoch beim Menschen.

Dr. Nikolai Kolesnikow

 

Für diesen Beitrag sprechen wir mit Dr. Nikolai Kolesnikov, Regional Aktuar Coface Deutschland einem sehr erfahrenen Versicherungsaktuar über seine Arbeit, die Bedeutung mathematischer Modelle, Simulationen und den Unterschied zwischen versicherungstechnischer Risikobewertung und Operational Risk Management.

 


Frage:
Wo liegen die Grenzen mathematischer Modelle?

Antwort:
Mathematische Modelle sind Vereinfachungen der Realität. Sie können Zusammenhänge in einer festgeleten Dimension sichtbar machen, Szenarien berechnen und Entscheidungen unterstützen. Sie ersetzen aber kein fachliches Urteil.

Grenzen entstehen vor allem dort, wo Daten schwach sind, Annahmen unsicher bleiben, menschliches Verhalten eine große Rolle spielt oder völlig neue Entwicklungen auftreten. Modelle können die Zukunft nicht kennen. Sie können nur auf Basis von stabilen und transparenten Daten, Annahmen und Struktur plausible Aussagen liefern.

Deshalb ist Modellvalidierung so wichtig. Man muss regelmäßig prüfen, ob das Modell noch zur Realität passt, liegen die Abweichungen innerhalb der vorhergesagten Intervalle. Falls nicht, liegt eine eventuelle Anpassung bzw. Erweiterung des Modells am Programm.

Frage:
Wie erkennt man eine gute Risikobewertung?

Antwort:
Eine gute Risikobewertung ist nachvollziehbar, konsistent, dokumentiert und vor allem überprüfbar. Sie zeigt nicht nur ein Ergebnis, sondern auch den Weg dorthin, also ist für Kontrollen bzw. fürs Monitoring transparent

Man sollte erkennen können, welche Daten verwendet wurden, welche Annahmen getroffen wurden, welche Unsicherheiten bestehen und wie empfindlich das Ergebnis auf Änderungen reagiert.

Außerdem muss man eine gute Risikobewertung entscheidungsfähig machen. Sie ist kein Selbstzweck. Risikobewertung soll eine gute Vorlage für die Steuerung liefern.

Frage:
Welche Rolle spielt Regulierung für Aktuare?

Antwort:
Regulierung spielt eine große Rolle, besonders in der Versicherungswirtschaft. Anforderungen wie Solvency II, Rechnungslegungsstandarten wie IFRS9/IFRS17, Governance-Vorgaben und aufsichtsrechtliche Erwartungen beeinflussen die Arbeit von Aktuaren erheblich.

Dabei geht es nicht nur um Rechenmodelle, sondern auch um viel Dokumentation, Nachvollziehbarkeit, Validierung und Governance. Die Ergebnisse müssen fachlich belastbar und gegenüber Aufsicht, Management oder Prüfern erklärbar sein.

Regulierung zwingt Unternehmen im besten Fall dazu, Risikobewertungen methodisch und sauber aufzusetzen.

Frage:
Was muss ein Vorstand oder Geschäftsführer über Risikomodelle wissen, ohne selbst Aktuar zu sein?

Antwort:
Ein Vorstand oder Geschäftsführer muss ein Risikomodell nicht selbst mathematisch bauen können. Er muss aber verstehen, was das Modell aussagt und was nicht.

Ein Risikomodell sagt nicht exakt voraus, was in einem bestimmten Jahr passieren wird. Es beschreibt vielmehr das mögliche Verhalten vieler denkbarer Szenarien. Wenn ein Modell zum Beispiel 10.000 mögliche Verläufe simuliert, dann zeigt es nicht „die Zukunft“, sondern eine Bandbreite plausibler Entwicklungen.

Die tatsächlich eintretende Zukunft kann irgendwo innerhalb dieser Bandbreite liegen, im günstigen Bereich, im erwarteten Bereich oder auch am äußeren Rand der Verteilung. Genau deshalb ist es wichtig, Risikomodelle nicht als Vorhersagemaschine zu verstehen.

Für das Management ist daher nicht nur die Rechengenauigkeit entscheidend, sondern vor allem die Qualität der Annahmen. Welche Daten wurden verwendet? Welche Szenarien wurden berücksichtigt? Welche Abhängigkeiten wurden angenommen? Welche Extremfälle wurden einbezogen?

Das Modell ist ein Navigationsgerät. Es kann Orientierung geben, Risiken sichtbar machen und mögliche Routen zeigen. Den Kurs bestimmt aber weiterhin das Management.

Frage:
Wie oft sollten Risikomodelle überprüft werden?

Antwort:
Risikomodelle sollten regelmäßig und anlassbezogen überprüft werden.

Für große, existenzielle Modelle ist mindestens eine jährliche Überprüfung sinnvoll. Dabei wird geprüft, ob die verwendeten Daten, Annahmen, Parameter und Modelllogiken noch zur aktuellen Realität passen.

Zusätzlich braucht es eine ad-hoc-Überprüfung, wenn sich wesentliche Rahmenbedingungen ändern. Das kann ein Marktschock sein, eine neue strategische Entscheidung, eine größere regulatorische Änderung, ein neues Geschäftsmodell, ein schwerer Schadenfall oder eine auffällige Abweichung zwischen Modell und Realität.

Darüber hinaus sollten wichtige Modellausgaben laufend beobachtet werden. Nicht jede kleine Veränderung erfordert sofort eine vollständige Modellrevision. Aber auffällige Muster, wiederkehrende Abweichungen oder unerwartete Ergebnisse müssen ernst genommen und fachlich geprüft werden.

Ein Risikomodell ist kein Dokument, das man einmal ablegt und dann ehrfürchtig verstauben lässt. Es ist ein Arbeitsinstrument und muss gepflegt werden.

Frage:
Welche Rolle spielt unabhängige Validierung?

Antwort:
Unabhängige Validierung ist ein zentraler Sicherheitsmechanismus in einem seriösen Risikomanagement.

Sie soll sicherstellen, dass ein Modell nicht nur rechnerisch funktioniert, sondern auch fachlich plausibel, methodisch belastbar und für den vorgesehenen Zweck geeignet ist. Dabei werden unter anderem Datenqualität, Annahmen, Modelllogik, Parameter, Ergebnisse und Dokumentation kritisch geprüft.

Wichtig ist die Unabhängigkeit. Wer ein Modell entwickelt hat, ist oft zu nah an den eigenen Annahmen und Entscheidungen. Eine unabhängige Prüfung hilft, blinde Flecken, methodische Schwächen oder falsch verstandene Ergebnisse aufzudecken.

Damit ist Validierung weit mehr als eine regulatorische Pflichtübung. Sie verhindert im besten Fall, dass ein Unternehmen auf Basis falscher Modellannahmen gesteuert wird.

Gerade bei Risikomodellen ist das entscheidend. Denn ein fehlerhaftes Modell kann gefährlicher sein als gar kein Modell, wenn es Sicherheit vermittelt, die tatsächlich nicht besteht.

Frage:
Was ist die wichtigste Fähigkeit eines guten Aktuars?

Antwort:
Ein guter Aktuar muss nicht nur korrekt rechnen können. Das ist die fachliche Grundlage, aber noch nicht der eigentliche Mehrwert.

Die wichtigste Fähigkeit besteht darin, komplexe und unscharfe Risikozusammenhänge so zu analysieren, dass daraus belastbare Entscheidungsgrundlagen entstehen. Ein Aktuar bewegt sich zwischen Daten, Modellen, Annahmen, Unsicherheit und wirtschaftlicher Realität.

Gute aktuarielle Arbeit übersetzt diese Komplexität in Aussagen, mit denen Management und Vorstand tatsächlich arbeiten können. Denn am Ende stehen oft sehr einfache, aber harte Fragen: Ist das Risiko tragfähig? Reicht das Kapital? Sind die Annahmen plausibel? Was passiert im Stressfall?

Ein guter Aktuar ist damit eine Brücke zwischen der komplexen Risikowelt und den klaren Entscheidungsfragen des Unternehmens.

Frage:
Was ist die wichtigste Fähigkeit eines guten Risikomanagers?

Antwort:
Die wichtigste Fähigkeit eines guten Risikomanagers ist nicht zwingend mathematische Tiefe. Dafür gibt es Spezialisten, etwa Aktuare, Datenanalysten oder Modellierer.

Ein guter Risikomanager braucht vor allem unabhängige Gestaltungskraft mit unternehmerischem Rückgrat. Er muss Risiken nicht nur erfassen, sondern auch dafür sorgen, dass sie im Unternehmen verstanden, adressiert und gesteuert werden.

Dazu gehört, unbequeme Fragen zu stellen, Verantwortlichkeiten sichtbar zu machen, Maßnahmen nachzuhalten und Entscheidungen transparent vorzubereiten. Risikomanagement darf nicht nur Dokumentation sein. Es muss wirksam in Organisation, Steuerung und Entscheidungsprozesse eingreifen.

Ein guter Risikomanager ist deshalb nicht der Verwalter einer Risikoliste, sondern ein unabhängiger Impulsgeber für bessere Entscheidungen unter Unsicherheit.

Frage:
Welche Entwicklung wird Risikobewertung in den nächsten Jahren am stärksten verändern?

Antwort:
Risikobewertung wird in den nächsten Jahren dynamischer, datengetriebener und systemischer werden.

Risiken werden immer weniger als einzelne, isolierte Ereignisse betrachtet. Stattdessen rücken Zusammenhänge, Abhängigkeiten und Wechselwirkungen stärker in den Mittelpunkt. IT-Ausfälle, Lieferkettenprobleme, regulatorische Anforderungen, geopolitische Entwicklungen, Klimarisiken und finanzielle Belastungen können sich gegenseitig beeinflussen und verstärken.

Die größte Veränderung ist aber nicht nur technischer Natur. Sie ist kulturell. Unternehmen müssen sich von einer reaktiven, jährlichen Risikobetrachtung lösen und zu einer kontinuierlichen, vernetzten und vorausschauenden Risikosteuerung kommen.

Risikobewertung wird damit weniger zu einem periodischen Bericht und stärker zu einem laufenden Führungsinstrument.

Frage:
Wird KI die Arbeit von Aktuaren verändern?

Antwort:
Ja, KI und Machine Learning werden die Arbeit von Aktuaren deutlich verändern.

Sie ermöglichen es, große Datenmengen schneller auszuwerten, Muster zu erkennen, komplexe Zusammenhänge sichtbar zu machen und Risiken teilweise früher zu identifizieren. Gerade bei Datenanalyse, Mustererkennung, Segmentierung, Prognosen und Modellunterstützung können KI-Verfahren sehr wertvoll sein.

Gleichzeitig entsteht eine neue Herausforderung. Je komplexer KI-Modelle werden, desto schwieriger kann es sein, ihre Ergebnisse nachzuvollziehen. Wenn ein Modell zu einer Black Box wird, deren Entscheidungen niemand mehr erklären kann, entsteht ein erhebliches Problem für Risikomanagement, Governance und Regulierung.

Für Aktuare bedeutet das: Die Arbeit wird nicht verschwinden, sondern sich verändern. Neben mathematischer und statistischer Kompetenz wird die Fähigkeit wichtiger, KI-Modelle kritisch zu prüfen, ihre Annahmen zu verstehen und ihre Ergebnisse erklärbar zu machen.

Frage:
Was bleibt trotz KI, Automatisierung und Datenmodellen menschliche Verantwortung?

Antwort:
KI, Automatisierung und Datenmodelle können Analysen verbessern, Muster sichtbar machen und Entscheidungsgrundlagen liefern. Sie können aber keine Verantwortung übernehmen.

Ein Modell kann Hinweise geben, Wahrscheinlichkeiten berechnen und Szenarien darstellen. Es entscheidet aber nicht, welches Risiko ein Unternehmen tragen will, welche Werte geschützt werden sollen oder welcher Kurs strategisch richtig ist.

KI und Datenmodelle sind der Kompass. Sie zeigen mögliche Richtungen, Risiken und wahrscheinlich kommende Stürme. Aber die Karte, das Ziel und die Verantwortung, den Kurs zu halten, bleiben beim Menschen.

Gerade in unsicheren Situationen ist das entscheidend. Wenn Daten unvollständig sind, Modelle widersprüchliche Ergebnisse liefern oder neue Entwicklungen noch nicht ausreichend abgebildet werden können, braucht es Urteilskraft, Erfahrung und Verantwortung. Bei Nebel fährt kein Unternehmen allein nach Algorithmus.

Frage:
Was wäre Ihr Rat an Unternehmen, die ihre Risikobewertung verbessern wollen?

Antwort:
Der erste Schritt ist, Risiken strukturiert und nachvollziehbar zu erfassen. Ohne saubere Struktur hilft auch das beste Modell wenig.

Der zweite Schritt ist, Annahmen bewusst zu machen. Viele Risikobewertungen enthalten Annahmen, die nie ausdrücklich ausgesprochen werden.

Der dritte Schritt ist, stärker mit Szenarien und Bandbreiten zu arbeiten. Unternehmen sollten nicht nur fragen, was wahrscheinlich ist, sondern auch wie wahrscheinlich, was plausibel und was im schlimmsten Fall schiefgehen kann.

Und schließlich: Risikobewertung muss regelmäßig überprüft werden. Risiken verändern sich. Organisationen verändern sich. Märkte verändern sich. Eine Risikobewertung ist ein Arbeitsinstrument, der regelmäßigen Wartung und Überprüfung benötigt


In den kommenden Wochen veröffentlichen wir das Gespräch als vierteilige Interviewreihe:

  • Teil 1:  Was Aktuare eigentlich tun
  • Teil 2:  Was Risikomanagement von Aktuaren lernen kann
  • Teil 3:  Modelle, Verantwortung und Zukunft
  • Teil 4:  Fachliche Vertiefung

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