Ein Gespräch mit Dr. Nikolai Kolesnikow über Aktuare, Simulation und die Frage, was modernes Risikomanagement von Versicherungsmathematik lernen kann
Teil 2: Was Risikomanagement von Aktuaren lernen kann
Risiken zu bewerten klingt einfach: Eintrittswahrscheinlichkeit, Auswirkung, Matrix, Ampelfarbe, fertig ist das Risikomanagement. Leider hält sich die Realität nur selten an farbige Kästchen. Unverschämtheit, aber so ist sie nun mal.
In der Versicherungsmathematik reicht das nicht. Aktuare arbeiten mit Annahmen, Wahrscheinlichkeiten, Szenarien, Bandbreiten und finanziellen Auswirkungen. Genau daraus kann modernes Operational Risk Management viel lernen.
Denn operative Risiken werden komplexer, vernetzter und schwerer vorhersehbar. Wer sie nur statisch bewertet, übersieht oft Abhängigkeiten, Extremfälle und Unsicherheiten. Spannend wird es also dort, wo Risikomanager und Aktuare sich treffen: zwischen Modell, Erfahrung und praktischer Steuerung.
Teil 2 fragt deshalb: Was kann Risikomanagement von aktuarieller Denkweise lernen, ohne selbst zur Versicherungsmathematik zu werden?

Für diesen Beitrag sprechen wir mit Dr. Nikolai Kolesnikov, Regional Aktuar Coface Deutschland einem sehr erfahrenen Versicherungsaktuar über seine Arbeit, die Bedeutung mathematischer Modelle, Simulationen und den Unterschied zwischen versicherungstechnischer Risikobewertung und Operational Risk Management.
Frage:
Was unterscheidet einen Aktuar von einem Risikomanager?
Antwort:
Ein Aktuar hat in der Regel einen stark quantitativen, mathematisch-statistischen Fokus. Er bewertet Risiken mit Blick auf finanzielle Auswirkungen, Wahrscheinlichkeiten, Rückstellungen, Kapitalanforderungen oder langfristige Verpflichtungen.
Ein Risikomanager hat meist eine breitere Steuerungsaufgabe. Er identifiziert Risiken, strukturiert Prozesse, koordiniert Bewertungen, überwacht Maßnahmen, berichtet an Gremien und sorgt dafür, dass Risiken organisatorisch beherrscht werden.
Vereinfacht gesagt: Der Aktuar fragt sehr stark „Wie lässt sich dieses Risiko bewerten?“. Der Risikomanager fragt zusätzlich „Wie wird dieses Risiko gesteuert, verantwortet, reduziert und überwacht?“.
Beides ist wichtig. Risiken bewerten ohne sie zu steuern hilft wenig. Nur steuern ohne belastbare Bewertung ist allerdings auch eher ambitionierte Verwaltung von Unsicherheiten.
Frage:
Sollte jedes Unternehmen einen Aktuar statt eines Risikomanagers haben?
Antwort:
Nein, nicht jedes Unternehmen braucht einen Aktuar im engeren Sinn. Ein Industrieunternehmen, ein Krankenhaus, ein IT-Dienstleister oder eine öffentliche Einrichtung hat andere Risikoprofile als ein Versicherungsunternehmen.
Was aber jedes Unternehmen braucht, ist ein sauberes Verständnis seiner Risiken. Bei stark quantitativen, finanziellen oder versicherungsnahen Fragestellungen kann aktuarielles Know-how sehr wertvoll sein. Für die laufende Organisation, Bewertung und Steuerung operationaler Risiken braucht es jedoch typischerweise ein gutes Risikomanagement.
Die sinnvollere Frage lautet deshalb nicht: „Aktuar oder Risikomanager?“, sondern: „Welche Risiken müssen wir qualitativ steuern, welche müssen wir quantitativ modellieren, und wo brauchen wir beides?“
Frage:
Wo kann ein Aktuar auch außerhalb klassischer Versicherungen Mehrwert schaffen?
Antwort:
Aktuare können überall dort Mehrwert schaffen, wo Unsicherheit, finanzielle Auswirkungen und Wahrscheinlichkeiten zusammenkommen. Das betrifft zum Beispiel Pensionsverpflichtungen, Gesundheitskosten, langfristige Vertragsmodelle, Garantieversprechen, Schaden- und Haftungsrisiken, Rückstellungen oder komplexe Szenarioanalysen.
Auch bei Unternehmen mit großen Datenbeständen, langfristigen Verpflichtungen oder stark risikobehafteten Geschäftsmodellen kann aktuarielles Denken hilfreich sein.
Der Mehrwert liegt weniger darin, dass ein Aktuar „Versicherung“ kann. Der Mehrwert liegt darin, Unsicherheit strukturiert, quantitativ und nachvollziehbar zu bewerten.
Zwei Rollen, ein gemeinsames Ziel
Frage:
Wie wichtig ist Erfahrung gegenüber reiner Mathematik?
Antwort:
Sehr wichtig. Mathematik ist die Grundlage, aber Modelle entstehen nicht im luftleeren Raum. Ein erfahrener Aktuar weiß, welche Annahmen kritisch sind, wo Daten trügen können und welche Ergebnisse zwar rechnerisch korrekt, aber fachlich unplausibel sind.
Gerade in der Versicherungsmathematik ist Erfahrung entscheidend, weil historische Daten nie perfekt zur Zukunft passen. Märkte verändern sich, Kundenverhalten verändert sich, Regulierung verändert sich, Schadenmuster verändern sich.
Ein Modell kann viel rechnen. Aber es versteht nicht automatisch, ob seine Annahmen in der Realität sinnvoll sind. Genau dafür braucht es Fachleute.
Frage:
Was sind typische Fehler bei der Risikobewertung?
Antwort:
Ein häufiger Fehler ist, Durchschnittswerte zu überschätzen und Extremereignisse bzw. seltene Szenarien zu unterschätzen. Viele Bewertungen konzentrieren sich auf den wahrscheinlichsten Fall, obwohl gerade die seltenen, aber schweren Fälle entscheidend sein können.
Ein weiterer Fehler ist Scheingenauigkeit. Nur weil ein Modell eine Zahl mit zwei Nachkommastellen ausgibt, ist die Bewertung nicht automatisch präzise. Entscheidend ist, welche Annahmen dahinterliegen und wie stabil das Ergebnis bei geänderten Annahmen bleibt.
Außerdem werden Abhängigkeiten zwischen Risiken oft unterschätzt. Risiken treten nicht immer sauber getrennt auf. In Krisen verstärken sie sich häufig gegenseitig.
Frage:
Wie geht man mit Unsicherheit um, wenn Daten fehlen oder unvollständig sind?
Antwort:
Fehlende Daten bedeuten nicht, dass man keine Bewertung vornehmen kann. Sie bedeuten aber, dass man die Unsicherheit offen behandeln muss.
In solchen Fällen arbeitet man mit Annahmen, Expertenschätzungen, externen Benchmarks, Szenarien oder konservativen Bandbreiten. Wichtig ist, diese Annahmen transparent zu dokumentieren und regelmäßig zu überprüfen.
Schlecht wäre es, fehlende Daten durch scheinbar exakte Zahlen zu kaschieren. Das wirkt zwar ordentlich, ist aber fachlich gefährlich. Eine ehrliche Bandbreite ist oft wertvoller als ein präzise wirkender Einzelwert ohne Substanz.
Frage:
Wie unterscheiden sich qualitative und quantitative Risikobewertung?
Antwort:
Qualitative Risikobewertung arbeitet häufig mit Kategorien wie niedrig, mittel, hoch oder sehr hoch. Sie ist besonders nützlich, wenn Daten fehlen, Risiken schwer messbar sind oder eine schnelle Priorisierung benötigt wird.
Quantitative Risikobewertung versucht dagegen, Risiken in Zahlen, Wahrscheinlichkeiten, Schadenerwartungen, Verteilungen oder finanziellen Bandbreiten abzubilden.
Beide Ansätze haben ihre Berechtigung. Qualitative Bewertung schafft Struktur und Vergleichbarkeit. Quantitative Bewertung schafft Tiefe und rechnerische Belastbarkeit. Problematisch wird es nur, wenn qualitative Einschätzungen so getan werden, als seien sie harte Mathematik. Das ist dann keine Methode, sondern Kostümierung.
Was beide Disziplinen voneinander lernen können
Frage:
Was kann Operational Risk Management von Aktuaren lernen?
Antwort:
Operational Risk Management kann von Aktuaren vor allem lernen, systematischer mit Annahmen, Unsicherheit und Modellierung umzugehen.
Viele operative Risiken werden noch sehr statisch bewertet: Eintrittswahrscheinlichkeit, Auswirkung, Ampelfarbe, fertig. Aus aktuarieller Sicht wäre die spannende Frage: Welche Bandbreite steckt hinter dieser Bewertung? Welche Annahmen treiben das Ergebnis? Welche Szenarien wurden betrachtet? Wie sensitiv ist die Bewertung gegenüber Veränderungen?
Aktuarielles Denken kann helfen, Risikobewertung nachvollziehbarer und robuster zu machen.
Frage:
Was kann ein Aktuar vom Operational Risk Management lernen?
Antwort:
Aktuare können vom Operational Risk Management lernen, Risiken stärker im organisatorischen Kontext zu betrachten. Nicht jedes Risiko lässt sich allein durch ein Modell beherrschen.
Prozesse, Verantwortlichkeiten, Kontrollen, Maßnahmen, Entscheidungswege und Unternehmenskultur spielen eine große Rolle. Ein Risiko ist nicht automatisch gut gesteuert, nur weil es mathematisch sauber bewertet wurde.
Operational Risk Management bringt die Frage ein: Wer tut was, wann, warum und mit welcher Nachvollziehbarkeit? Das klingt weniger glamourös als Simulation, entscheidet aber oft darüber, ob ein Unternehmen Risiken, die sauber quantifiziert und bewertet sind, tatsächlich im Griff hat.
In den kommenden Wochen veröffentlichen wir das Gespräch als vierteilige Interviewreihe:
- Teil 1: Was Aktuare eigentlich tun
- Teil 2: Was Risikomanagement von Aktuaren lernen kann
- Teil 3: Modelle, Verantwortung und Zukunft
- Teil 4: Fachliche Vertiefung
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